Donnerstag, 12. Juli 2012

Früher war eben doch einiges besser....

http://de.qantara.de/Viel-Populismus-wenig-strategisches-Denken/19470c20666i1p496/

So unrecht hat er nicht, und doch bin ich nicht ganz mit den obigen Aussagen einverstanden, so hat das Schwert ja zwei Schneiden, von denen eine nicht behandelt wird. Sicherlich ist es einfacher den Salafistenhaufen auf möglichst breiten Plattformen zu beobachten, aber auch die Mitgliederwerbung geht so leichter von der Hand, leben wir ja in einer Zeit, wo jegliche Information leicht abrufbar sein muss, sonst ist sie auf eine eher kleine Gruppe beschränkt.

Ich bin zum Beispiel ein Kind der 80er, ich rettete die Wale und den Amazonas (zumindest versuchte ich es), demonstrierte lautstark gegen Atomkraft und zog mir dabei Lieder von David Bowie und Eric Clapton rein und nebenbei musste ich auch noch meine Runden durch Bücherein (Buch: bedrucktes Papier, das zum Lesen und nicht nur zur Beseitigung körperlicher Ausscheidungen benutzt wurde) und Plattenläden (Platte: tellergroßes, schwarzes Plastikdings mit Rillen, welches mit einer Nadel bearbeitet wurde, damit krächzende Musik ertönte) ziehen - ich war es gewohnt, dass jegliches Wissen hart erarbeitet werden musste.

Heute jedoch gibts das Internet, Fernsehen rund um die Uhr, Handys, die einem den ganzen Tag die Tür zur großen, weiten Welt offenhalten und Facebook, wo man von der Kindheit bis zum Tod alles von sich preisgibt, selbst der tägliche Stuhlgang wird fein säuberlich in die Timeline eingetragen. Musik wird in Sekundenschnelle kopiert und Wissen einfach bei Wikipedia abgefragt - tiefer jedoch wird nicht gegraben, die Information wird genossen, wie ein Käsehäppchen zwischendurch und es braucht auch kaum mehr Zeit, als das tägliche Zähneputzen. Und so ists meiner Meinung auch beim Extremismus, muss ja auch dieser schnell konsumierbar sein, kaum ein Jüngelchen wird sich wohl tiefer ins Netz begeben und er wird wohl deshalb nur an der Oberfläche kratzen - das Deep Web kennt er nicht, obwohl es zigmal größer ist, als die Seitenflut, die wir jeden Tag wahrnehmen.
Auch ein Arid Uka, der am Frankfurter Flughafen seine blutige Spur gezogen hat, hat sich übrigens großteils über Youtube und Facebook radikalisiert - keine versteckten Taliban-Rekrutierungsseiten waren dafür notwendig, einzig ein zweckentfremdeter Hollywoodschinken war vonnöten und schon hats gekracht.

Mir alten Mann bereitet also die  Forderung nach der Salafisten-Öffentlichkeit Bauchschmerzen, werden ja so noch viele sinnsuchende Pickelgesichter auf den Voglianerzug aufspringen, die bei einem Verbot, oder zumindest bei einer Einschränkung, schon lange aufgegeben und ihre rebellierende Pubertät auch ohne Kaftan und Häkelmützchen überstanden hätten, ist diese Phase ja auf eine eher kurze Zeit beschränkt. Irgendwann tritt die große Liebe ins Leben, man hat Erfolg in der Schule und/oder im Beruf und die aufmüpfige Vergangenheit verblasst. Wie? Was aber bis dorthin tun? Wie wärs mit Wale retten? Oder den Amazonas aufforsten? Mich hats über diese schlimme/lustige (die Grenzen sind da fließend) Ära gebracht und das ganz ohne Sekten, mussten die einen damals ja auch noch auf der Straße anquatschen und dafür hatte ich nun wirklich keine Zeit, sperrte die Bücherei ja um 6 zu. Und der Plattenladen auch. Früher war eben doch einiges besser.

Guten Tag




Kommentare:

  1. Wäre da nicht eine winzige Kleinigkeit, würde ich Ihren heutigen Ausführungen uneingeschränkt zustimmen: Die Recherchen des Stuttgarter Journalisten Franz Feyder, Arid Uka habe sich im August 2010 in einem bosnischen "Sommercamp" (= salafistisches Wort für ein terroristisches Ausbildungslager) aufgehalten, sind bis heute nicht widerlegt.

    Da Arid Uka aber alle seine Opfer mit gezielten Kopfschüssen hingerichtet hat und da man solche Fähigkeiten im Umgang mit einer Schußwaffe nun einmal nicht auf "YouTube" oder "Facebook" erlernen kann, kann vielmehr davon ausgegangen werden, dass das Märchen vom "Einzeltäter", der sich im Internet "selbst radikalisiert hat", längst widerlegt ist. In diesem Zusammenhang sei übrigens noch einmal daran erinnert, dass auch Mohamed Merah seine Kontakte zum nur formal aufgelösten Mönchengladbacher Salafisten-Verein "Einladung zum Paradies" via Bosnien hatte.

    Ansonsten d'accord.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Naja, diese Zielgenauigkeit auf diese Distanz trau sogar ich mir zu und ich war nicht im Terrorcamp, sondern nur in der Bundeswehr. Und ein Waffe zu laden und abzudrücken werd ich wohl auch noch schaffen - so auch Jäger, Sportschützen usw.

      Löschen
    2. Da mögen Sie recht haben. Nur war Arid Uka im Gegensatz zu Ihnen nicht in der Bundeswehr, er war auch kein Jäger und kein Sportschütze.

      Uka hat vor Gericht zu Protokoll gegeben, er habe an diesem 02.03.11 zum ersten Male in seinem Leben eine Waffe in der Hand gehabt. Und das muss ich einem Menschen, der - wenngleich auf kurze Distanz - unmittelbar hintereinander mehrere gezielte Kopfschüsse abgegeben hat, nun wirklich nicht mehr glauben.

      Löschen